Wann sollte man Cannabis in die Blüte schicken?
- Marius Lika
- vor 5 Tagen
- 6 Min. Lesezeit
Wann ihr Cannabis in die Blüte schicken solltet, gehört zu den wichtigsten Entscheidungen im Indoor-Anbau: Bei einem zu frühen Wechsel entgehen euch Ernteerträge, ein zu später Umschaltzeitpunkt sorgt schnell für Höhenprobleme und Lichtstress.
Vor allem Anfänger orientieren sich häufig an starren Wochenangaben. Wer etwas Erfahrung hat, bezieht dann die Pflanzenhöhe und den Abstand zur Cannabis-Beleuchtung mit ein. Doch in der Praxis spielen deutlich mehr Faktoren eine Rolle: Genetik, Stretch-Verhalten, Lichtintensität, Wurzelentwicklung, Boxhöhe und Trainingsmethoden, um einige Wichtige zu nennen.
Dieser kleine Guide hilft euch dabei, den perfekten Zeitpunkt für die Einleitung der Blüte zu bestimmen, damit ihr das Maximum aus eurem Setup und euren Pflanzen herausholen könnt.

Wer Cannabis in die Blüte schicken möchte, darf nicht zu lange warten. Aufgrund des Stretches wird eine Cannabispflanze nach Einleitung der Blütephase nochmals kräftig in die Länge wachsen – mit unter ihre Größe verdoppeln oder gar verdreifachen – und so schnell für Höhenprobleme sorgen.
Was bedeutet es, Cannabis in die Blüte zu schicken?
Ein kurzer Recap für Anfänger: Falls ihr euch für eine photoperiodische Sorte (im Gegensatz zu Autoflower/Automatics) entschieden habt, müsst ihr selbst die Blütephase einleiten, indem ihr den Lichtzyklus auf 12 Stunden Licht und 12 Stunden Dunkelheit reduziert. Cannabispflanzen reagieren auf diesen photoperiodischen Impuls, indem sie ihren Stoffwechsel neu ausrichten und Energie zunehmend in die Bildung von Blüten investieren.
Dabei stoppt das vegetative Wachstum in die Höhe nicht schlagartig. Im Gegenteil: In den ersten ein bis zwei Wochen nach der Umstellung erfolgt eine Art Endspurt, der sogenannte Stretch, währenddessen die Pflanze noch einmal ein ordentliches Längenwachstum hinlegt. Diese Phase entscheidet darüber, wie hoch eure Pflanzen schlussendlich werden und wie viel Platz ihr tatsächlich benötigt.
Woher kommt der Cannabis-Stretch?
Nach dem Stretch bremst das Längenwachstum ab und die Energie fließt in dichte Blütenstände (Alter et al. 2024)¹. Grund dafür ist ein Abfall an Wachstumshormone wie Gibberelline (GA₄), was kürzere Internodien und kompakte Buds fördert. Werden die Pflanzen wieder vermehrt Licht ausgesetzt, kann es zur Regeneration bzw. zum sogenannten Re-Vegging kommen.
Autoflowers blühen dank ihrer Genetik automatisch. Ein spezielles „Blüh-Gen“ (CsFT1), ähnlich dem bekannten Blüh-Gen FLOWERING LOCUS T (FT) aus der Modellpflanze Arabidopsis thaliana, macht sie unabhängig vom Lichtzyklus, im Gegensatz zu photoperiodischen Sorten (Dowling et al. 2024)².
Die Sache mit den Prozentangaben beim Stretch
Wie stark eure Pflanzen während des Stretch wachsen, hängt vor allem von der Genetik und ihrer Größe zum Zeitpunkt des Umschaltens ab.
Genau hier entsteht oft Verwirrung: In Foren oder “Herstellerangaben” (Samenbanken) liest man beispielsweise, dass Sativa-Sorte XY "200 oder 300 Prozent Stretch" entwickelt. Das klingt dramatisch und mag je nach Sorte auch zutreffen, allerdings nur für kleine Pflanzen. Eine Sativa, die bereits 1 Meter hoch ist, wird nicht mehr auf 3 Meter wachsen.
Anders gesagt: Stretch-Angaben in Prozent sind relativ. Eine kleine Pflanze verdreifacht sich viel eher als eine große.
Realistische Stretch-Spannen nach Ausgangshöhe
Genetik | Stretch bei kleiner Pflanze (20-35 cm) | Stretch bei großer Pflanze (60-100 cm) |
Indica | 50-100 % | 20-40 % |
Hybrid | 100-150 % | 40-70 % |
Sativa | 200-350 % | 80-150 % |
Die Tabelle bietet eine ganz gute Orientierung, dennoch macht es Sinn die entsprechende Sorte eurer Wahl kurz zu recherchieren, um so von den Erfahrungen anderer Grower zu profitieren. Außerdem solltet ihr folgende Punkte im Hinterkopf behalten, da in diesen Fällen die Tabelle versagen kann:
1. Geilwuchs statt Stretch:
Wenn eure Lampe zu weit weg hängt oder zu schwach ist, wird die Pflanze versuchen, die Distanz zu überbrücken. Sie streckt sich dann nicht aus genetischem Drang, sondern aus Lichtmangel (Vergeilen). Das kann den Stretch deutlich erhöhen. Wollt ihr das Vergeilen eurer Pflanzen verhindern, empfehlen wir euch diesen Beitrag: Wie viel Lux brauchen Pflanzen?
2. Zu viel Stickstoff:
Wer bis tief in die Blüte hinein Vegi-Dünger (viel Stickstoff) gibt, begünstigt womöglich den Stretch, da Stickstoff das Zellwachstum fördert. Aus diesem Grund kann es Sinn machen, die Stickstoffzufuhr ca. 1 Woche vor der Umstellung zu reduzieren, um den Stretch künstlich zu bremsen.
3. Genetische Streuung (Phänotypen):
Besonders bei Hybriden (z.B. Gorilla Glue oder Girl Scout Cookies) berichten Grower gelegentlich davon, dass 1 oder 2 Pflanzen klein bleiben und die Dritte förmlich explodiert. Wenn ihr Samen nutzt (statt identischer Stecklinge), solltet ihr einen Puffer von 20 cm nach oben einplanen.
Woran macht man fest, wann der Zeitpunkt für die Blütephase gekommen ist?
Ihr seid nun gewarnt, was den Stretch angeht, aber wann ist jetzt der richtige Zeitpunkt, um Cannabis in die Blüte zu schicken? Das hängt unserer Meinung nach vor allem von den folgenden 3 sehr individuellen Faktoren ab:
Größe der Box und Abstand zur LED: Die Höhe des Growrooms ist das bedeutendste Limit, schließlich können eure Pflanzen nicht durch die Decke wachsen, auch wenn eure Pflanzen theoretisch weiter wachsen könnten. Zudem benötigen LEDs je nach Modell einen Mindestabstand zwischen 25 und 40 cm, um Hotspots, Verbrennungen und Lichtstress zu vermeiden. Vergesst auch nicht, die Topfhöhe mit einzurechnen. Eine 20 cm hohe Pflanze in einem 25 cm hohen Topf ist bereits 45 cm über dem Boden, bevor die Blütephase überhaupt begonnen hat.
Pflanzenalter, Wurzelraum und Topfgröße: Wie bereits mehrfach erwähnt, sind Wochenangaben für sich alleine wenig hilfreich. Auch eine kräftige, gut entwickelte Pflanze, die erst drei Wochen alt ist, kann bereit für die Blüte sein. Wohingegen eine lichtschwache, gestreckte Pflanze auch nach sechs Wochen womöglich noch zu instabil ist. Ein wichtiger Indikator ist die Wurzelentwicklung, da sie bestimmt, wie effizient Wasser und Nährstoffe transportiert werden.
Genetik und Trainingstechniken: Training prägt das Wachstum stärker als viele glauben. Methoden wie Topping, LST, Fimming oder ein gut geführter ScroG, reduzieren vertikale Dominanz, schaffen eine flachere, gleichmäßige Kronen und erhöhen die Lichtausbeute über die gesamte Fläche. Solche Trainingstechniken erlauben es, die Blüte später einzuleiten. Untrainierte Pflanzen sollten hingegen früher in die Blüte geschickt werden, damit das unkontrollierte Höhenwachstum später nicht zum Problem wird.
Wann schaltet man in der Praxis den Beleuchtungszyklus um?
Wer weder rechnen noch das Platzangebot in seiner Growbox bis zum Maximum ausreizen will, kann sich auch an folgenden Empfehlungen für die Umschaltung des Beleuchtungszyklus orientieren:
Pflanzentyp/Situation | Typische Veg-Dauer | Besonderheiten/Empfehlungen |
Stecklinge | 7-14 Tage | |
Seeds | 4-6 Wochen | |
stark getoppte Pflanzen | 5-8 Wochen | bessere Flächenabdeckung |
ScroG | 4-8 Wochen | Umschalten bei 70 % Netzfüllung |
niedrige Boxhöhe | - | früh umschalten (20-25 cm) |
Sativa oder sativalastiger Hybrid | - | sehr früh umschalten |
Autoflowers | - | keine Steuerung möglich |
Maßnahmen bei zu starkem Stretch
Ihr habt den optimalen Zeitpunkt für die Einleitung der Blüte verpasst? Dann haben wir an dieser Stelle 4 gute Ratschläge für euch:
1. Kontrolliertes Knicken (Supercropping)
Das Supercropping ist die beste Lösung, wenn euch die Höhe eurer Pflanzen Probleme bereichen. Für das Supercropping knickt ihr einfach den Stamm um 90 Grad um, ohne ihn abzubrechen.
Wie es geht: Nehmt den obersten Teil des Stammes (ca. 10-20 cm unter der Spitze) zwischen Daumen und Zeigefinger. Drückt und massiert den Stamm vorsichtig, bis das innere Gewebe weich wird. Dann legt ihr den Trieb einfach waagerecht um.
Effekt: Die Pflanze wird sofort niedriger, und der Nährstofffluss in die Spitze wird kurzzeitig gebremst, was das Wachstum verlangsamt. Nach etwa einem Tag bildet die Pflanze eine Art Knoten an der Knickstelle.
2. Runterbinden (Low Stress Training (LST))
Wenn der Platz zur Seite noch ausreicht, könnt ihr die Haupttriebe mit Pflanzendraht oder Juteschnur biegen und am Topfrand oder an Zeltstangen fixieren.
Tipp: Nutz gummierten Draht, damit ihr keine Verletzungen und unnötigen Stress verursacht.
Warnung: Bei Pflanzen, die bereits 100 cm groß und stark verholzt sind, müsst ihr sehr vorsichtig biegen, damit der Stamm nicht bricht.
3. ScroG-Netz (Screen of Green)
Falls nicht schon geschehen, könnt ihr versuchen, nachträglich ein elastisches Netz über die Pflanzen zu spannen, um auf diese Weise ebenfalls seitlichen Platz besser auszunutzen.
Vorgehensweise: Drückt alle Triebe, die durch das Netz wachsen wollen, vorsichtig wieder unter das Netz und führt sie durch ein benachbartes Loch. So füllt ihr die Fläche in der Breite aus, statt in der Höhe.
4. Topping während der Blüte (“Radikalkur”)
Wenn die Pflanze die Lampe praktisch schon berührt und kein Platz zum Knicken da ist, könnt ihr als allerletzten Ausweg auch die Spitze (den Hauptbud) abschneiden.:
Nachteil: Das Topping bedeutet massiven Stress in der Blütephase, kann Zwitterbildung begünstigen und kostet euch euren größten Bud. Aber: Lieber ein kleinerer Ertrag als eine angebrannte Pflanze, weil sie die Lampe berührt.
Fazit
Der ideale Zeitpunkt, Cannabis in die Blütephase zu schicken, ist kein starres Datum, sondern hängt von einer Vielzahl von Faktoren und Einflussgrößen ab. Die Höhe der Growbox, Ausgangsgröße der Pflanze, Stretch-Verhalten, Lichtintensität, Topfvolumen und Genetik, sind alles wichtige Punkte, die es zu beachten gilt, wenn man Cannabis zum optimalen Zeitpunkt in die Blüte schicken möchte, um auf diese Weise die Erträge zu maximieren. Wir hoffen, unser Guide kann euch bei dieser wichtigen Entscheidung behilflich sein. In einem anderen spannenden Beitrag zum Thema Cannabisblüte haben wir uns mit dem Mythos beschäftigt, ob weniger Licht am Ende der Blüte von Vorteil ist oder nicht.
Quellenverzeichen
Alter H, et al. Inflorescence development in female cannabis plants is mediated by photoperiod and gibberellin. Hortic Res. 2024 Sep 3;11(11):uhae245. doi: 10.1093/hr/uhae245.
Dowling CA, et al. A FLOWERING LOCUS T ortholog is associated with photoperiod-insensitive flowering in hemp (Cannabis sativa L.). Plant J. 2024 Jul;119(1):383-403. doi: 10.1111/tpj.16769.



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